Der Thron bleibt nie unbesetzt. Kaum gerieten Chiphersteller ins Wanken, fanden US-Aktien sofort einen neuen Liebling. Der Philadelphia Semiconductor Index ist seit seinem Hoch im Juni um 20 % eingebrochen. Die Panik wurde durch die Vorstellung des Kimi K3-Modells von Chinas Moonshot AI ausgelöst, das nach eigenen Angaben das weltweit größte Open-Source-Modell ist. Analysten ziehen bereits Parallelen zum letztjährigen, von DeepSeek ausgelösten Ausverkauf. Zweifel an der Rentabilität der gewaltigen KI-Investitionen treffen ausgerechnet jene Werte, die den Leitindex bislang zu einem Jahresplus von rund 9 % verholfen haben.
Entwicklung der Indizes für Halbleiter und Hyperscaler
Der S&P 500 selbst wirkt deutlich gesünder als seine bisherigen Favoriten. Der breite Index schloss nach zwei Wochen mit Kursverlusten unter seinem 50-Tage-Durchschnitt, während der gleichgewichtete S&P auf einem Rekordhoch endete. Das signalisiert eine gesunde Marktbreite – der Ausverkauf ist nicht flächendeckend, sondern auf ein überhitztes Segment konzentriert.
Der Hauptprofiteur dieser Rotation war Apple. Das Unternehmen überholte kurzzeitig Nvidia beim Börsenwert und stieg auf 4,9 Billionen US-Dollar. Anleger, die überhitzte Chip-Werte verließen, fanden hier einen neuen Hafen – insbesondere nachdem Peking Apple die Einführung von Apple Intelligence in China genehmigt hat, ein Schritt, der das Umsatzwachstum beschleunigen dürfte.
Auch Privatanleger setzen neue Prioritäten. Die langjährige Liebesbeziehung zwischen Retail-Investoren und den Magnificent Seven kühlt ab. Zwar stehen diese Werte noch immer für rund 36 % der Marktkapitalisierung des S&P 500, doch Investoren suchen zunehmend nach dem „nächsten AI-Superstar“ unter weniger gehypten Namen, statt weiter in Microsoft, Apple, Amazon, Meta, Nvidia, Alphabet und Tesla aufzustocken.
Es verläuft allerdings nicht alles in eine Richtung. Die Magnificent Seven hinken dem breiteren Markt zum ersten Mal seit Jahren hinterher – ein ungewöhnliches Signal, da sie einen Großteil der jüngsten Rally getragen haben. Societe Generale geht davon aus, dass die Rotation wahrscheinlich nur von kurzer Dauer sein wird: Die Bank hat ihr S&P-500-Jahresendziel auf 8.000 angehoben, was von den aktuellen Niveaus aus einen weiteren Anstieg von rund 6 % impliziert.
Die Berichtssaison wird der Geschichte zusätzliche Dynamik verleihen. In der kommenden Woche stehen Ergebnisse von GM, Alphabet, IBM, Tesla, Intel und Verizon an. Unterdessen konzentrieren sich die Marktgewinne zunehmend: Analysten schätzen, dass in den nächsten vier Jahren nur 13 Emittenten für die Hälfte des Umsatzwachstums im S&P 500 verantwortlich sein werden. Das Problem ist nicht zwingend ein überbewerteter Index – sondern dass das Schicksal des Index von einer Handvoll Namen abhängt.

Die Bullen behalten an den Aktienmärkten die Oberhand, warten jedoch auf ein klares Signal von den Unternehmensgewinnen, bevor sie die Leitindizes auf neue Höchststände treiben. Wird die Berichtssaison die hohen Erwartungen rechtfertigen? Das wird sich zeigen.
Aus technischer Sicht zeigt das Tageschart, dass es eine Abwärtskurslücke zur Eröffnung und eine Kerze mit einem langen unteren Docht gab. Ein Bruch unter das Tagestief bei 7.430 wäre ein Anlass, Short-Positionen auszubauen.
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